von Grenzen, Kurbelwellen und Gastfreundschaft

Sa 18. April

Die Ankunft in Russland: Nach stundenlangem Warten an der Georgisch-Russischen Grenze können Johannes und ich endlich unsere ausgefüllte Migrationskarte vorzeigen, aber wo sind die anderen? Kaupo und Anne waren nur ein paar Meter vor uns. Bereits bei der Ausreise aus Georgien gab es mit den beiden Maschinen zur Abwechslung mal bürokratische Probleme. Generell war der Beamte sehr verwirrt über unseren Zweitpass, dann besitzt Anne auch noch 2 Maschinen, von der eine mit dem Boot nach Georgien überführt wurde und natürlich die Standard Verwunderung über die Motorräder.

Nun zurück zur russischen Grenze – hier erblicke ich soeben Annes besorgtes Gesicht und will eigentlich, wenn ich ehrlich bin, gar nicht wissen was los ist. Langsam kommt sie näher und ich ahne Schlimmes. Verdutzt und entgeistert berichtet sie: „Ich muss zurück nach Kazbegi und eine vom Notar beglaubigtes Schreiben organisieren, welches besagt, dass ich Kaupo erlaube mein Motorrad zu fahren.“ Das ist mit Abstand das Bescheuertste, was ich seid langem gehört habe! Die Frage nach dem Wieso scheint Anne bereits überwunden zu haben, da sie und Kaupo bereits seit einer halben Stunde mit dem Grenzpersonal verhandelt haben. Was machen wir jetzt? Es ist Samstag Nachmittag, Kaupos Russland Visa läuft in 5 Tagen aus und beide Maschinen sollen nun ernsthaft zurück nach Georgien? Verwirrt glotzen wir einander ratlos an. Wie aus dem nichts – nach hin und her und bis wirklich alle an der Grenze über unsere Misere Beschied wissen, ist es anscheinend doch möglich 2 Motorräder registriert auf den selben Namen nach Russland zu bringen – mal wieder haben wir Glück gehabt.

Endlich fahren wir gemeinsam die große Heeresstrasse auf russischen Terrain entlang. Wir schlängeln uns durch die Schlucht des wunderschönen Kaukasus. Auf nach Vladikavkaz. Dort angekommen, mal wieder völligst ausgehungert, suchen wir nach einem Café. Im schlichten Mensa-Ambiente verspeisen wir eingelegte Tomaten, Leber , Kotelett (Klops), Brot und russische Chinkali. Ziemlich schnell werden wir zum ersten Schnaps eingeladen und stoßen auf absolutes Unverständnis, da wir jetzt noch nicht trinken wollen. Vor dem Café haben sich bereits einige Menschen versammelt. Ein Motorrad-Fahrer stoppt und ist total aus dem Häuschen, er ruft seinen Freund Sergej an, der Englisch spricht – gemeinsam mit Anne erstellen sie eine Ersatzteilliste für Astrachan, denn dort hat Sergej Freunde, die uns helfen können. Wir scheinen ein wahres Magnet zu sein. Innerhalb von kürzester Zeit treffen wir viele nüchterne und auch ein paar wenige volltrunkene Begeisterte, denn immerhin ist ja Samstag. Ein Polizeistreife stoppt. Die Männer tragen Kalschnikovs. Bunt gemischt ist unsere kleine Bühne und zu guter letzt hält der lokale Chef des Bikerclubs „Alkashi“ an. Er schenkt Kaupo und mir neue Stoßdämpfer. Wir sind überfordert, nachdem uns einige betrunkene Männer in ihre Vodka Höhle wegzerren wollen und ergreifen die Flucht. Beflügelt von dem Gefühl endlich zu Fahren brechen wir Richtung Beslan auf.

Die erste Polizeikontrolle:

Wir verstehen kein Wort und überhäufen den Polizisten einfach mit vielen Fragen über die Straßen-Beschaffenheit dieser Gegend. Der Mann ist sichtlich überfordert mit uns und lässt uns gehen. Wir sind in Nord Ossetien und werden noch öfter an solchen Strassensperren Zeit verbringen. Er vermittelt uns das es 2 Strassen nach Astrachen gibt, eine gute und eine schlechte. Wir entscheiden uns für den 80 Kilometer längeren Umweg.

Kurz vor Beslan verfällt Annes Motorrad in stures Schweigen. Mal wieder stehen wir mitten in der Nacht auf irgendeiner Straße rum und glotzen ratlos auf eines unserer Motorräder. Der Kickstarter bewegt sich keinen Millimeter mehr. Anne ist schwer geschafft. Unsere motorisierte Pechsträhne ist gerade wirklich nicht zum aushalten. Nach einer kurzen Abkühlpause müssen wir leider feststellen, das nichts mehr geht. Abschleppseil raus – wir suchen uns einen Platz zum schlafen. Es ist schon sehr spät und Morgen sehen wir weiter. Ich binde „Rooster“ an mein Moped und wir tuckern los. In einem kleinen Wäldchen schlagen wir unser Lager auf – die Krähen kreisen über uns, als wären wir leblose Kadaver. Die ganze Nacht knirscht und raschelt es um uns herum, ein Mann auf einem Pferd erkundigt sich nach unserem Befinden. Wir schlafen unruhig, während die pechschwarzen kreischenden Federviehcher keine Ruhe geben.

So 19. April

Am Morgen stellen wir schnell fest, das Annes Motorrad ein Totalschaden ist. Die Zylinder bewegen sich kein Stück. Der verbotenere Gedanke – Kurbelwellenbruch – macht sich in unseren Köpfen breit, doch noch ist keiner bereit es auszusprechen. Ein Plan ist schnell geschmiedet, das Abschleppseil ist griffbereit und unsere kleine Kolonne macht sich auf den Weg nach Beslan zu jener Schrauberfamilie, die uns bereits im September mit Ersatzteilen ausgestattet hat. In Beslan angekommen finden wir ihr Haus recht zügig, doch leider scheint niemand zu Hause zu sein. Igor, den wir bereits im September zu fällig getroffen hatten und der uns damals zum besagten Schrauber führte, treffen wir auch heute wieder zufällig. Er ruft Leonid an, das männliche Oberhaupt der Familie. Leonid arbeitet heute auf dem örtlichen Ersatzteilmarkt. Anne und Efy warten bei den Maschinen und der Rest macht sich gemeinsam mit Igor auf zum Teilmarkt. Das Auto von Igor ist brandneu. Ich sitze auf Johannes Schoss und beobachte neugierig die Benzinanzeige – der Bordcomputer meldet in 5 Kilometern ist der Tank leer. Pünktlich bei Kilometer 0 angelangt rollen wir in die Tankstelle ein.

Auf dem Markt angekommen begrüßen wir Leonid herzlichst, seine Schwägerin ist auch da und sofort wecken wir auch das Interesse der anderen Marktbesucher. Ein Mann möchte von mir wissen, in welchem Land wir zuletzt waren. Natürlich Georgien – antworte ich. Ihn interessiert brennend ob die Menschen hier oder in Georgien besser sind – ich erwidere nur, dass man diese Frage nicht beantworten kann. Eigentlich will ich gerade viel lieber den Markt filmen, denn hier tummeln sich die Ural Ersatzteile. Als ich mich endlich für einen Moment losreißen kann und ein bisschen filme, schreit mich ein leicht wankender Mann stinksauer an. Ich entschuldige mich, auch wenn ich ihn gar nicht auf der Linse hatte, doch er gibt keine Ruhe. Leonid geht dazwischen und schickt uns zurück zu seinem Haus. In 2 Stunden werden wir uns dort treffen.

Zurück am Haus gibt es erstmal ein ausgiebiges Frühstück bis Leonid mit seiner kleinen roten Klapperkiste angedüst kommt. Jetzt geht alles Schlag auf Schlag. Es ist verrückt – Innerhalb von 30 Minuten ist nur noch das Skelett von Annes Maschine übrig, der Rest befindet sich in Einzelteilen um das Gefährt drapiert. Anne ist schwer am überlegen aus ihrer Ural ein Fahrrad zu machen.

Brachial aber gekonnt öffnet Leonid erst die Kupplung, dann die Nockenwelle und plötzlich sind auch die Zylinder wieder frei. Das Lager sieht OK aus – Leonid dringt bis zum Herzstück des Motors vor und findet letztendlich das Schlimmste, was dem Motor hätte passieren können – die Kurbelwelle ist gebrochen!!! Eine Neue, Jahrgang 1985, schlummert friedlich im Fett eingehüllt in seinem Lager. Währen Leonid uns einen guten Preis macht und den Motor wieder zusammen bastelt, entscheidet sich Johannes seine Merkuni Vergaser wieder zurück zu bauen, Kaupo bekommt ein neues-gebrauchtes Getriebe geschenkt und ich möchte meine neuen Stoßdämpfer einbauen. Wir sind alle bis spät in die Nacht schwer beschäftigt. Unsere Ersatzteilkiste wird aufgestockt. 3 elektronische Zündungen sollen uns die Weiterfahrt eigentlich erleichtern, dieser Gedanke stellt sich im Fall von Kaupos Maschine gerade als schwer wiegender Fehler heraus. Die Zündung ist widerspenstig und lässt sich einfach nicht einstellen.

Wir sind sehr müde und beschliessen erst einmal schlafen zu gehen. Am nächsten Morgen und zwar um sechs Uhr soll es endlich weitergehen mit frischer Kraft und gestärkten Nerven. Die Zeit sitzt uns im Nacken und 16 Stunden Schrauben liegen mal wieder hinter und ein warmes Essen, liebevoll zubereitet von Ljubov vor uns.

Mo 20. April

Wir sind sehr früh wach. Es ist noch düster draußen. Euphorisch suchen wir unsere Sachen zusammen – das Aufsatteln scheint nicht mehr fern. Nach unzähligen Versuchen die Motorräder von Anne und Kaupo anzutreten, wird uns schnell klar, dass wir weiter schrauben müssen. Am späten Nachmittag schreibe ich Tagebuch während Anne lauthals schreit und tatsachlich beide Karren im selben Moment wieder zum Leben erwecken. Bei Annes Motorrad wurden die Ventile gewechselt und ausgeschliffen und die Zündung eingestellt, Kaupos Maschine verweigert jedoch nach diesem kurzen Hoffnungsschimmer weiterhin jeglichen Dienst. Die Elektronik seiner Maschine scheint verhext. Manchmal ist da Strom, manchmal nicht, dann läuft sie auf dem rechten Zylinder, dann auf dem linken. Schluß mit der elektrischen Zündung, wir entscheiden uns verzweifelt die mechanische Zündung zurück zubauen. Anspannung liegt in der Luft und auch Leonid ist am Ende mit seinen Nerven. Auch mit der neuen-alten mechanischen Zündung scheint der Fuchs in Kaupos Maschine zu wohnen. Die Zeit rennt uns davon, immerhin sind es 800 Kilometer bis zur kasachischen Grenze und Kaupos Visa läuft aus. Die Elektronik ist hinüber. Kurzer Hand beschliessen wir eine andere Maschine zu finden und die wichtigsten Teile umzubauen. Leonid ruft einen Freund an und der gute Mann hat doch tatsächlich das passende Gefährt im Garten stehen. Nach einem langen Abend läuft die „grüne Elise Lindenhorn“, nach maßgeblichen Veränderungen endlich wieder. Der Plan sieht vor, Morgen früh sehr zeitig aufzustehen, 4 Uhr Morgens ,um dann endlich loszufahren. Bei einem üppigen Abendessen huldigen wir die russische Gastfreundschaft.

Di 21. April

Es ist 4 Uhr morgens oder doch 3 Uhr? Irgendwie haben wir das mit der Zeitumstellung verpeilt. Die arme Ljubov steht völligst verschlafen und verwirrt in der Küche und bereitet uns Frühstück. „Warum steht ihr drei Uhr Morgens auf, wenn ihr um 5 losfahren wollt?“ Das Unterfangen mit den Zeitzonen ist uns noch nicht wirklich bewusst. Schnell essen wir noch einen Happen, packen und schwingen uns auf’s Moped. Mit einem Hupkonzert fahren wir endlich los – ich schaue in den Rückspiegel und fasse es nicht – Anne ist nicht da. Das kann jetzt wirklich nur ein Scherz sein, deprimiert fahren wir zurück und ihre Maschine läuft nur auf einem Topf. Wenigsten ist es diesmal nur ein kleines Problem und nach dem Einbau eines neuen Benzinfilters läuft die Karre endlich. Wir bewegen uns langsam Richtung Inguschetien. Die erste Polizeikontrolle lässt nicht lange auf sich warten. Der verdutzte Beamte ist überfordert und signalisiert uns, dass wir weiter fahren können. Kurze Zeit später jedoch überholt uns ein Polizeiwagen mit Blaulicht. Die Gesetzeshüter stoppen uns stinksauer und wollen uns ernsthaft erzählen, dass man auf dieser Straße nicht mit einem Motorrad fahren darf. Sie wollen wahnwitzige 500 Euro „Strafa“, wir stellen uns dumm. Nichts hilft, die Beamten werden immer zorniger. Wir zücken das Telefon und rufen Leonid an, den wir an den Polizisten weiterreichen – xoxoscho – hören wir den Polizisten sagen und plötzlich können wir problemlos weiterfahren.

15 dieser Polizeikontrollen werden heute noch auf uns zukommen. Die Polizisten sind jedoch alle sehr nett und stoppen uns lediglich aus Neugier. „Dokument, Dokument!“ schallt es immer wieder an den Straßensperren. Keiner von uns weiss, warum es hier so viel Polizei gibt.

Die Straßen strecken sich unendlich vor uns nieder. Diese Landschaft habe ich erst in Sibirien erwartet. Dörfer und Städte sind kilometerweit voneinander entfernt. Alles ist flach, offizielle Highways enden in Schotter, Sand und Matschpisten. Die erste russische Nacht draußen verbringen wir mitten in der Steppe, nahe dem Wolga Delta.

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