von Schlammpisten und vielen helfenden Händen

Mi 22. April

Nach dem Aufstehen geht es sofort weiter. Ein riesiges Labyrinth verschiedener Feldwege tut sich vor uns auf. Ohne Navigationsgerät stellt dieser Straßenzustand eine wahre Herausforderung dar. Als wir uns gestern für diesen Weg entschieden haben, war uns bei weitem nicht bewusst, wie lange diese „Straße“ wirklich ist. Insgesamt sprechen wir hier von 80 Kilometern Sandlabyrinth. Zügig bahnen wir unseren Weg durch die Dünen – hier kommen uns tatsächlich Lkw´s entgegen – es ist nicht zu fassen, der Feldweg ist eine Autobahn.

Plötzlich kommt unsere Kolonne mal wieder zum stehen. Grund hierfür Kaupos Motorrad „Lisa Lindenhorn“, die sich gerade dazu entschlossen hat, ein erfrischendes Bad im Schlamm zu nehmen.

Nun steckt Kaupo in dieser riesigen Pfütze und ärgert sich darüber den falschen Weg im Labyrinth genommen zu haben. Kaupos Fahrskills haben sich trotz dieser Misere schon gut entwickelt. Immerhin hat er erst vor drei Wochen seinen Führerschein bestanden und saß noch nie zuvor auf einem Motorrad. Ruck-zuck zaubert Johannes die Seilwinde unter seinem Motorrad hervor und zerrt die badende Dame aus der Pfütze. Endlich kann die Fahrt weiter gehen. Eigentlich macht es sehr viel Spaß auf der Ural durch den Sand zu surfen. Erneut stoppen wir, diesmal ist es Johannes der ein trauriges Gesicht macht – seine Kamera klemmt nicht mehr auf der Halterung. Die nächsten 3.5 Stunden verbringen wir damit nach der Knipsi zu suchen, doch unmöglich scheint ein erfolgreicher Ausgang dieser Aktion, zu viele Feldwege fächern sich vor uns auf und keiner von uns kann sich mehr erinnern, welchen wir davon gefahren sind. Irgendwann geben wir auf und nehmen den Verlust hin. Anstelle einer Kamera haben wir plötzlich einen kleinen Hundewelpen. Irgendein Fieserich hat das arme Tier einfach mitten in der Steppe ausgesetzt. Wir nennen die Hündin Klaus. Leider können wir Klaus nicht mitnehmen. Kaupo fragt kurzer Hand einen Schäfer, ob er nicht das Tier behalten will. Leider besitzt dieser bereits Hunde. Wir entscheiden uns dafür Klaus ins nächste Dorf zu bringen, denn Tierheime gibt es hier nicht dafür viele Straßenhunde. Im Dorf hat Klaus jedenfalls bessere Chancen zu überleben. Und so kommt es dann. Schweren Herzens lassen wir die Hündin im Dorf zurück und düsen auf einem echten Highway weiter Richtung Astrachan. 20 Kilometer vor der Stadt schlagen wir unser Lager am Straßenrand auf.

Do 23. April 2015

Eigentlich wollen wir so schnell wie möglich zur Grenze, denn heute ist Kaupos letzter legaler Tag in Russland. Efy hat eine Klinik in Astrachan gefunden, die gegen FSME impft. Es sind nur 30 Kilometer bis in die Stadt und es ist noch sehr früh. Zunächst kommen wir gut voran, bis wir in einem riesigen Verkehrsknäul stecken bleiben. Stop and Go kilometerlang – das mögen die Maschinen überhaupt nicht. Die Stadt sieht aus wie ein riesiges Industriegelände, in der Mitte fliesst die Wolga. Schmerzlichst vermissen wir unser Navigationsgerät, denn hier haben wir verloren. Ständig fahren wir im Kreis, es scheint unmöglich zu sein, besagte Klinik pünktlich zu erreichen. Ein ungutes Gefühl macht sich in meinem Magen breit. Wir stoppen und die Stimmung ist ein wenig gereizt. Die Impfung kann nur zwischen 11 und 12 Uhr Morgens verabreicht werden, dafür muss man vorher noch einen Arzt sprechen und vermutlich das ein oder andere Dokument ausfüllen. Die Uhrzeit ist gegen uns, es ist bereits halb 12. Wir entscheiden uns dagegen die Maschinen weiter durch diesen fiesen Stadtverkehr zu prügeln und machen uns auf den Weg Astrachan so schnell wie möglich hinter uns zu lassen. Efy ist sichtlich enttäuscht, aber wir müssen jetzt die richtige Entscheidung treffen. An einer großen Kreuzung werden wir natürlich prompt von einem grimmigen Polizisten gestoppt – „Dokumenti, Dokumenti, Dokumenti – Dawai!“ Ich schalte meine Maschine aus um in den Tiefen meines Beiwagens nach meinem Pass zu graben. In der Eile sehe ich die riesige Militärparade vor mir nicht – das „Dawai!“ des Beamten wird lauter und ich muss einsehen, dass ich den kompletten feierlichen Umzug blockiere – das Motorrad springt natürlich nicht an. Der neunte Mai, der Tag nach dem Ende des zweiten Weltkrieges, ist in Russland ein großer Feiertag, an dem der Sieg über den Faschismus gefeiert und an die gefallenen Soldaten gedacht wird. Vor mir stehen nun also ein paar Panzer und LKWs mit Raketen bestückt, bereit für den Testlauf vor dem großen Tag. Die gesamte Parade kann nicht passieren, weil mein Motorrad auf der Kreuzung keinen Muchs mehr macht – da wird mir gleich ein bisschen Vodka ums Herz (würde Johannes jetzt sagen), meine Knie allerdings zittern ein wenig beim Anblick dieses Militäraufgebotes. Schliesslich sucht sich der Konvoi eine Schleuse vor mir. Wir alle starren mit gemischten Gefühlen auf das Geschehen. Als die Truppe vorbeigezogen ist springt „Untyp“ plötzlich wieder an und wir reihen uns ein. 2 Ampeln später scheinen Anne und Kaupo verschwunden zu sein. Die Stadt ist verstopfter als zuvor, das Vorwärtskommen ist eine Qual. Wir stoppen und Johannes sieht nach den anderen, die keinen Sprit mehr zu haben scheinen. Als wir endlich weiter fahren können, fängt mein Moped lautstark an zu rasseln. Ich stoppe die Maschine, zeitgleich gehen alle schlechten Vorahnungen in Erfüllung – die Kolben sind fest, der Kickstarter rührt sich keinen Zentimeter, die Stimmung ist im Keller, keiner von uns kann seine Enttäuschung zurück halten. Die Situation deutet auf einen totalen Zusammenbruch hin. Zu sehr gleichen sich die Symptome mit Annes Kurbelwellenbruch. Anne tritt wütend auf, ich könnte nur noch fluchen, Johannes hat keinen Bock mehr, die Stimmung ist am unteren Tiefpunkt angelangt. Was nun?

In Vladikavkaz haben wir glücklicherweise Sergej kennen gelernt, der Freunde in Astrachan hat. Währende Johannes, Kaupo und ich das Motorrad zerlegen ruft Anne Sergej an und gibt unsere Position durch. Seine Freunde machen sich sofort auf den Weg – großartig!

Die Kolben meiner Maschine hängen aus der Motoröffnung. Im Gegensatz zu Annes Kurbelwellenbruch, bei dem sich die Kolben keinen Zentimeter mehr gerührt haben, kann man meine Kolben noch eine drei-viertel Umdrehung bewegen. Johannes grübelt, während ein Kleinbus stoppt und drei Jungs aussteigen, einer davon ist Stefan. Stefan spricht ein wenig Englisch und beim Anblick des Disasters huscht ihm doch tatsächlich das Wort ‘crank shaft‘ über die Lippen. Er meint, dass er zu Hause noch einen Dnepr Motor hat, ausserdem kennen die Jungs zwei fähige Maestros, die sie uns vorstellen wollen.

Also mal wieder Abschleppseil raus, an Schweppches angeknotet nimmt meine Karre während einem erneuten Ritt durch die komplette Stadt wieder Fahrt auf. In der ganzen Aufregung haben wir allerdings vergessen, das Hinterrad von Untyp wieder festzuschrauben, welches ich gerade verliere. Kaupo fährt glücklicherweise ein Stück des Weges zurück und sammelt meine Schrauben ein. Nach diesem kurzen Stop kann es weiter gehen. Unsere quälende Fahrt endet auf einem großen Industriegelände. Hier reihen sich die Werkstätten aneinander und es dauert nicht lang und wir sind von Mechanikern umzingelt.

Viele Hände helfen und so ist der Motor ratzi fatzi ausgebaut. Einer der Männer schraubt das Getriebe ab, es ist nicht zu fassen was hier zum Vorschein kommt. Jene Schrauben, die einst meinen Kupplingsblock zusammen hielten haben sich so weit rausgerödelt, dass sie tief im Gehäuse Deckel eine beachtliche Spur hinterlassen haben.

Ein riesiger Kurbelwellenklumpen fällt mir vom Herzen. Mit 10 Händen bauen wir die Maschine wieder zusammen – zur Belohnung gibts ein Eis. Die Mechaniker hier sind super nett und mehr als verblüfft, dass wir mit den Urals unterwegs sind. Sie sind sich einig darüber, dass sie mit so einer Karre nicht mal zum Fischen fahren würden, umso mehr beeindruckt sie unsere Tour. Sam, der für uns dolmetscht ist einer der Maestros. Er spricht fließend Englisch. Dank ihm wissen wir nun, dass die Russisch – Kasachische Grenze 24 Stunden offen zu sein scheint. Es ist bereits nach acht Uhr Abends, als wir in der Kantine des Geländes noch ein leckeres Abendessen verspeisen. Sam will uns den Weg aus der Stadt zeigen – wir begrüßen das sehr und machen uns endlich auf den Weg Richtung Grenze. Wir kommen gut voran durch die kühle Nacht. Nur ein kurzer Reparatur Stop, um Kaupos und Annes Licht zu reparieren wird eingelegt. Alles was wir hier nicht innerhalb weniger Minuten reparieren können, ersetzen wir kurzer Hand durch Taschenlampen. Sam verabschiedet sich und wir düsen weiter. Eine Stunde vor dem Beginn des neuen Tages stehen wir wahrhaftig endlich an der Grenze und dürfen sogar ganz nach vorne fahren. Die Grenzbeamten sind unglaublich nett – der Start für Kasachstan steht unter einem guten Stern. Kurz nach der Grenze schlagen wir unser Lager in der Steppe auf und wie durch einen Schalter angeknipst startet ein tiefer heulender Wind der zügig über den sandigen Boden tost. Die Geräuschkulisse trägt uns in den Schlaf – keiner von uns kann das fassen, wir sind endlich in Kasachstan.

 

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