Die Landung in Tschukotka

Die Landung in Tschukotka!

Nach fast 4 Wochen, die wir stromabwärts auf dem Kolima verbracht haben, tut der feste Boden unter den Füßen nicht nur uns gut – auch die Motorräder warten sehnsüchtig auf eine gehörige Brise Fahrtwind. Alle 4 Karren sind in einem beängstigenden Zustand. Während das Fahrwerk mit Bremse und Federung auf dem Fluss eine Auszeit genossen hatte, haben die Getriebe und der Motor ganz schön Zähne gelassen. Das Schalten der Gänge auf dem Wasser, ohne die Rollbewegung des Motorrads war eine Qual für Kurbelwelle, Kupplung und Getriebe! So hatten wir beim Start auf dem Festland nicht die besten Voraussetzungen, um uns durch die sumpfigen Einöden Tschukotkas zu schlagen!

Im Hafen von Anuisk, einer kleinen Siedlung etwas südöstlich von Chersky, werden die Karren an Land gebracht und notdürftig versorgt, bevor es völlig überladen zurück auf die Piste geht! Die gesamte Konstruktion, die Pontoons, Ersatzteile und Lebensmittel müssen verstaut werden!

overloaded

Mit freundlicher Hilfe der Einheimischen schusterten wir einen Hänger zusammen, der vorwiegend zum Transport des Benzins dienen sollte. Aus den Ersatzrädern und den Stangen der Floßkonstruktion zusammengestückelt, machte das ungefederte Anhängsel nicht die beste Figur auf den holprigen Straßen. Selbst bei niedrigem Reifendruck und wenig Geschwindigkeit fing der Hänger ständig an, sich aufzuschaukeln und derart zu Hüpfen, dass es fast unmöglich war, das Gefährt auf der Straße zu halten. Die alten Trommelbremsen versagten, wenn es darum ging, das gesamte Gewicht von Motorrad und Hänger bergabwärts zum Stehen zu bringen. Nach 30 km landeten wir das erste Mal umgedreht im Straßengraben!

departed trailer

350 km ging es von Anuisk nach Bilibino auf einer – für russische Verhältnisse – gut erhaltenen Piste! Ein paar Kettenfahrzeuge, die mit ihren rasselnden Ketten an uns vorbei rasten, ließen allerdings darauf schließen, dass die guten Straßenbedingungen irgendwann ein Ende haben werden! Nach drei Tagen Piste erreichten wir die Tore von Bilibino. Während wir gerade dabei waren, eine kaputte Zündspule auszutauschen, rollten drei Geländewagen den Berg hoch. Eine kleine Truppe Männer in Uniform bereitete uns einen herzlich Empfang – mit Wodka – getrunken einer aufgeschnittenen Paprika!

Die Wetterbedingungen waren rau, der Wind zwickte im Gesicht und so beschlossen die Männer einen Abschleppwagen zu ordern, der uns runter in die Stadt bringt. Die Reparatur war schnell gemacht und so ging es noch bevor der Abschlepper eintraf, Richtung Stadt. Auf halbem Weg polterte uns ein kleiner Kranwagen entgegen und reite sich ein in unsere Kolonne! Staubig und verdreckt wurden wir, in eine für uns freigeräumte, beheizte Garage gebracht – der Arbeitsplatz und Lebensmittelpunkt von Maxim. Mit seinem Kran ist er der Mann für alle Pannen, steckengebliebenen Autos und all dem was nicht mit Manneskraft oder einem großem Hammer zu bewegen ist!

Augenblicklich wurden wir Teil der Familie – unbeschreiblich das Gefühl auf bis dahin unbekannte Freunde zu treffen. In sich überschlagender Begeisterung schmiedeten wir zusammen Pläne für die nächste Etappe – 1200 km Offroad-Piste ohne Brücken und Tankstellen bis nach Egwekinot.

Bilibino ist der letzte Zipfel Zivilisation bevor es in die komplett unbewohnte Tundra Tschukotkas geht. Etwa 130 Flüsse waren zu überqueren – in völliger Abgeschiedenheit mit unseren überladenen Karren. Schnell stand fest, dass es unmöglich war, das gesamte Gepäck mit dem Benzin auf unserem kleinen Hänger zu transportieren und so tüftelten wir an einer neuen Konstruktion. Visa-Vorschriften und das Wetter saßen uns im Nacken. Wollten wir es noch bis zur Beringstraße schaffen, so mussten wir uns beeilen. Wir teilten uns auf. Während der eine Teil der Gruppe den Hänger zusammenschweißte, ging es beim anderen Teil darum Benzin zu organisieren, Vorräte aufzustocken und Informationen und Kontakte über die Beringstraße zu sammeln!

Mit unserer Erfahrung auf dem Kolima Fluss und den Pontoons war uns schnell klar, dass die Flussüberquerungen an sich kein Problem darstellten, doch einfach zulange dauerten. Das Ausstatten jedes Motorrads mit den Schwimmkörpern und Propellerkonstruktionen kam wegen dem Aufwand und Transportgewicht nicht in Frage. Die Idee war es einen Hänger zu bauen, welchen wir wie eine Brücke aufklappen konnten und der ausgestattet mit den Pontoons als Fähre funktioniert!

Bilibino, die letzte Stadt weit im Nord-Osten Russlands, ist im Winter nur durch Winterstraßen mit der Außenwelt verbunden und im Sommer, wenn der Schnee für ein paar Wochen verschwunden ist, gibt es nur wenige Zugänge in die Stadt. Die wechselnden Wetterbedingungen machen selbst dem Luftverkehr zu schaffen. Wenn im Sommer die Eisberge aus dem Nord Polarmeer an die Küste der Beringsee treiben, ist es für den Frachtverkehr unmöglich viele Häfen anzulaufen. Der Verkehr auf dem Kolima ist begrenzt, da der Wasserstand unberechenbar ist. Die einzige Möglichkeit Güter nach Bilibino zu schaffen, ist der Weg zwischen Egwekinot und Bilibino. Eine abenteuerliche Fahrt durch die Tundra. In kleinen Kolonnen machen sich die großen Trucks auf den Weg und brauchen zwischen 5 und 15 Tagen für die Strecke je nach Wetterlage. In wenigen Stunden können die zahlreichen Flüsse anschwellen und den Weg unpassierbar machen. Den Fahrern bleibt dann nichts anders übrig, als auf einen sinkenden Wasserspiegel zu warten. Wer dennoch eine Flussüberquerung riskiert läuft Gefahr, von den Wassermassen weggespült zu werden und muss dann meistens von unserem Freund Maxim herausgezogen werden!

Flood, August 2016, Bilibino

Trotz aller Einwände der Einheimischen wollten wir es versuchen. Auch wenn die Zeit uns im Nacken saß, wollten wir die Strecke in Angriff nehmen. Unsere Organisation brachte die ersten Erfolge und es wurde ein Truck losgeschickt, der Benzin Depots für uns anlegte. 500 Liter luden wir in Fässern auf einen Kamaz Truck und vereinbarten mit ihm Punkte auf der Strecke, wo er die Fässer hinterlegen sollte!

Der Hänger nahm langsam Gestalt an und der erste Test, als Brücke und als Fähre, konnte kommen. Die Teile, zusammengesammelt aus den Überresten alter sowjetischer Militäranlagen, waren zusammengeschweißt, die Pontons gepackt und so ging es auf zum nächsten Baggersee. Anhaltende Regenfälle verzögerten unsere Abfahrt. Es war wie verhext! Jeder von uns gesetzte Abfahrtstermin wurde durch irgendeine übernatürliche Kraft durchkreuzt!

Es regnete zwei Tage, was die Flüsse in der Umgebung anschwellen lies. Durch das Hochwasser verhängte die Stadt den Ausnahmezustand. Keiner verlässt die Stadt. Die Gefahr beim Überqueren der Flüsse weggespült oder zwischen zwei Flüssen stecken zu bleiben ist zu groß. Als das Wasser nach zwei Tagen Regen wieder zu sinken begann, wurde das Ausmaß der Flut sichtbar. Die Trasse, die einzige Verbindung der Stadt Richtung Osten, war abgeschnitten. Das Wasser hat den Weg weggespült und eine Menge Trucks steckten draußen in der Tundra fest. Sie warten auf den Bulldozer, der ihnen den Weg frei schiebt. Das sumpfige Land macht es unmöglich, auch nur einen Meter vom Weg abzuweichen!

Wir konnten nicht länger warten. Das Risiko es nicht in der verbleibenden Visa Zeit zu schaffen, stieg mit jedem Tag. Als Vorsichtsmaßnahme entschlossen wir uns für den Fall der Fälle einen Flug zu buchen, der uns rechtzeitig hier raus bringt. Vollgepackt und jeglicher Warnung zum Trotz machten wir uns auf den Weg. Wir wollten es zumindest versuchen.

Chukotka, August 2016

Nach nur 30 Kilometern hörte die Straße plötzlich auf. Eine Abbruchkante ins tosende Wasser war der Endpunkt der Piste und unmöglich zu überwinden. Wir waren nicht die einzigen, die darauf warteten endlich los zu fahren. Mehrere Jäger warteten am Fluss auf das Sinken des Wassers. Die Rentierjagd läuft im Sommer und die Einheimischen füllen ihre Vorratskeller. Im Gegenzug zu den schweren Geländewägen konnten wir uns mit etwas Mühe einen Weg durch den Sumpf bahnen. Mit unseren Aluminiumleitern brachten wir die vier Karren etwa 200 Meter durch den Schlamm, zurück auf die Straße. Wir konnten unsere Fahrt fortsetzen. Langsam bewegte sich unser kleiner Konvoi Richtung Osten.

Bei kleineren Flüssen nutzten wir den Hänger als Brücke. Bei tieferen Gewässern wurde die Fähre zusammengebaut.

floating trailer-bridge

Das Aufladen der Karren auf die Konstruktion war nicht so einfach. Nach dem Beladen musste das Seil zu Fuß durch den Fluss auf die andere Seite gebracht werden. Dort wurde es in der richtigen Länge festgebunden, so dass es möglich war, das Floss in der Strömung an das andere Ufer gleiten zu lassen.

clutch plate powder

Zum Schluss gibt Kupplung ihren Geist auf. Der Geruch der rutschenden Kupplung unter der schweren Last des Hängers war kein gutes Zeichen. Die steilen Hügel und der widerspenstige Matsch waren in Kombination mit dem Hänger zu viel für die Karre. Nach 100 km war Schluss. Die gesamten Platten waren zu Puder zermahlt und es rutschte nur noch Metall auf Metall. Das war das Aus. Mitten in der Tundra mussten wir uns eingestehen, dass es für uns zu diesem Zeitpunkt kein Weiterkommen gibt. In unserer verbleibenden Zeit war es sinnlos den Weg weiter Richtung Osten fortzusetzen. Nach zwei Tagen warten, wurden wir von Maxim mit einem Kettenfahrzeug evakuiert.

the final act

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