AUF DEM KOLYMA BIS ZUM NORDPOLARKREIS UND WEITER

Ein großes AHOI an all Euch tollen Leute,
die die gesamte Zeit dafür gesorgt haben, dass wir immer genug Fahrwasser unterm Kiel hatten!

0.route from Seymchan to Bilibino

Und so sind wir gut gefahren, gefloatet und auch gelegentlich auf der ein oder anderen Sandbank aufgesessen. Nachdem wir Anfang Juni, lang ersehnt, in Magadan angekommen sind, haben wir uns direkt rangemacht und unsere in Vancouver wohl erprobten Propellerkonstruktionen zur absoluten Realität gemacht. Nach zehn Tagen intensivsten Arbeitseinsatz mit der Unterstützung dutzender Freunde und neuen Bekannten, hatten wir die neuen Motorräder fahrtüchtig geschraubt und uns einen kompletten neuen Hausrat samt Werkzeugkollektion zugelegt. Eventuelle Überlebensstrategien und Notfallpläne gab es gratis und jeder Zeit aus allen Richtungen. Auch hier hielten die Leute das Unterfangen den Kolyma Fluss mit 4 Ural Motorrädern 1600km hinunterzufahren für abenteuerlich und verrückt. ‚удачи‘ (russ.: ‚Viel Glück‘) wünschten sie uns alle, als wir mit unseren überladenen Maschinen in einer riesigen Kolonne von Motorradfahrern und Kleinwagen versuchten Magadan zu verlassen. Natürlich wurden wir und unsere Begleiter nicht von einer geballten Anzahl an Pannen verschont. Bereits am Ortsausgang wurde der erste Kolben gewechselt. An dieser Stelle muss ich wirklich sagen, dass trotz all unserer Erfahrung diese alten 650er noch voller Überraschungen steckten.

800 Kilometer später waren wir endlich an dem Punkt, wo wir alles umgesetzt hatten, um die Maschinen tatsächlich schwimmen lassen zu können. Aufregung und Vorfreude waren groß, als wir endlich in Seymchan ankamen und die Straße Richtung Kolyma-Ufer verließen. Vier Tage bestand unsere temporäre, weitestgehend improvisierte Werft. Wir schnallten jedes der vier Motorräder auf zwei Pontoons und installierten die bereits in Magadan von uns gefertigten Propellerkonstruktionen. Ganz so einfach war es natürlich nicht. Es bedurfte noch einiger Zeit der Feinjustierung mit dem großen Hammer. Meine Knie zitterten gewaltig vor der ersten Testfahrt – zwei Stunden bevor es dann schließlich richtig los ging. Keine Zeit für Angst oder Bedenken. Wir hatten alles so lange geplant, dass prinzipiell nicht schief gehen konnte – in der Theorie zumindest. Schwimmweste am Mann und Paddel an Board – so legten wir am 23. Juni 2016 gegen 15 Uhr mit vier unabhängig voneinander fahrenden Ural-Katamaranen ab.

3.first testdrive on the KOLYMA RIVER_web

Jeder einzelne Tag dieser Reise war außerordentlich lehrreich – an diesem speziellen Tag lernten wir: ‚Fahre nicht mit vier Ural-Katamaranen einzeln auf dem Kolyma herum, wenn du nicht in der Lage bist, gegen die Strömung zu fahren!‘ Kaupo verfing sich 20 Minuten nach der Abfahrt in einem auf dem Fluss treibenden Baum und der Rest von uns konnte nur zusehen, wie er sich mit Mühe befreien konnte. Im nächsten Moment schnürten wir uns zu einem Megafloat und beschlossen gemeinsam weiter zu fahren. Eine weise Entscheidung, denn ansonsten hätte wohl jeder seine ganz persönliche Reise auf dem Fluss angetreten ohne einen der Anderen je wieder zu sehen.

Wie steuert man also dieses Vehikel, wie navigiert man sich durch das Labyrinth des Kolyma und wie geht man mit den Tankern im Gegenverkehr um? Zu Beginn wurden wir noch regelmässig von Sandbänken aufgehalten und von Gegenströmungen abgetrieben, doch nach den ersten vier Tagen hatten wir so etwas wie eine grundlegende Routine entwickelt – Anlegen, Ablegen, Signale und Obacht, wo man das Werkzeug plaziert, da der Fluss alles schluckt, was fällt.

Meistens fahren wir bis spät in die Nacht und den frühen Morgen hinein, somit legen wir täglich im Durchschnitt eine Strecke von 60 Kilometern zurück. Bereits in Magadan ist uns das Gefühl für die Zeit abhanden gekommen – wir erlebten die ersten ‚White Nights‘ unseres Lebens. Und so geht  die Sonne gegen 12 Uhr nachts unter, drückt sich für circa 1.5 Stunden am Horizont herum, bevor sie erneut aufgeht. Es bleibt taghell – auch nachts – und taucht die wunderbare Kulisse um den Kolyma in ein bizarres Licht. Das Wasser ist klar. Links und rechts sind die weiten Kiesstrände von bewaldeten Hügeln und teils Steilhängen gesäumt. Im Hintergrund stehen gelegentlich die Rauchschwaden eines Waldbrandes. Bärenspuren häufen sich am Ufer, bis wir dann endlich das erste Exemplar zu sehen bekommen, Möwen begleiten uns durchgehende und selbst geangelte Fische landen zunehmend in unserer Pfanne.

5.campfire@kolyma river_web

Wir fahren mit dem Wetter und lernen neben Sonnenschein und Kreuzfahrtfeeling auch die tückischen Seiten des Kolyma kennen. Es die großen Wasserflächen, die besonders anfällig für Wind sind und sich im Handumdrehen in eine beeindruckende Wellenlandschaft verwandeln können. Das Boot biegt sich in alle Richtung, bäumt sich auf, wird überspült und knarzt wie ein alter Dachboden. Man sagt, dass ein Kuhschwanz auch wackelt und nicht abfällt. Das rede ich mir zumindest während unseres ersten Storms ein und reiße das Gas bis zum Anschlag auf. Das Ziel ist, Land zu gewinnen. Alle vier Maschinen laufen volle Leistung und ich hoffe innigst, dass keine Welle einen der Zylinderköpfe ersäuft, keinem der Sprit ausgeht, keines der Seile reißt und keine der lebenswichtigen Schrauben abfällt. In einer Wolke aus Wasserdampf erreichen wir das Ufer und werden von einem Rudel junger Hunde empfangen. Ich schwanke. Wir hatten das in der Karte eingezeichnete und sehnlichst erhoffte Jägerhäuschen mit Banja erreicht. Diese kleinen Holzhäuser, befinden sich vereinzelt entlang der Ufer des Flusses und bieten Fischern und Jägern Unterschlupf. Oftmals sind sie mit einer russischen Banja ausgestattet und Fellen aller Art ausgelegt.

Jeder Zweite hier ist Jäger und verdient sein Geld mit dem Erlegen von Hirschen, Rentieren, Bären, Vielfraßen und anderem Kleintier.

8.mischka@Kolyma_web.jpg

Relativ schnell haben wir uns mit der Steuerung des Floats vertraut gemacht. Es fahren immer zwei Maschinen gleichzeitig, während Johannes ganz vorn steht, Ausschau hält und Signale gibt. Gemeinsam mit Martin, der die Karten deutet, lotst er uns durch das Labyrinth von Inseln und Seitenarmen. Nach den ersten 600 Kilometern auf dem Wasser erreichen wir Zyryanka – eine Siedlung mit circa 3000 Einwohnern. Im Sommer ist das Dorf nur über den Fluss und aus der Luft zu erreichen. Lediglich im Winter, wenn der Kolyma zufriert, gibt es eine Straße, die übers Eis aus Jakutsk hierher und weiter in den Norden führt. Noch vor zwanzig Jahren haben hier 15000 Leute gewohnt, doch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, dem wirtschaftlichen Abbau und den Umstrukturierungen innerhalb der Föderation setzte eine große Abwanderungswelle ein, die bis heute anhält. Immer noch gibt es das zentrale Heizwerk, das im Winter den gesamten Ort mit warmen Wasser und Heizwärme versorgt. Dazu werden im Laufe des Sommers circa 80000 Tonnen Kohle auf dem Kolyma hierher geschifft und dann im Winter verheizt.

Je weiter wir nach Norden gelangen, desto mehr ist zu spüren, wie abgeschieden diese Regionen doch wirklich sind und was es für ein Aufwand ist, jegliche Güter in diese Gegend zu transportieren. Und somit sind wir über jede Zündkerze glücklich, die wir organisieren können. Mit allem anderen Gehölz und Blech, das wir finden können und geschenkt bekommen, verzieren und bauen wir unser Boot aus. In Zyryanka erhält es ein extensives Sonnendeck und einen kleinen Reiseofen, für Kaffee und Tee unterwegs. Ab jetzt können wir auch an Board schlafen. Wunderbar!

4.float and tarp_web

Der Fluss wird breiter (bis zu vier Kilometer) und die Zeit rennt, wie immer. Gedacht gemacht und wir entscheiden uns mit einem Kohletanker zu trampen. In Srednekolymsk angekommen machen sich unsere neuen Freunde in die Spur. Und sowie hier jeder jeden kennt, haben wir eine Mitfahrgelegenheit auf dem Kolyma gen Chersky. Der Abschied ist zünftig und die Fahrt auf dem Kohletanker ein neues Abenteuer. Der Tanker ist wie ein großer Spielplatz und Karten studieren auf der Brücke gemeinsam mit dem Kapitän steht auf der Tagesordnung. So machen wir rund 600 Kilometer in zwei Tagen stromabwärts. Hier in Chersky ist der Kolyma weit wie die See. Die letzten 100 Kilometer Richtung Aniusk werden wir von zwei kleinen Fischerbooten geschleppt. Wir haben Chuktoka erreicht, den letzten Zipfel im Nordosten von Russland. Und hier gehen wir wieder an Land. Adieu Kolyma!

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