Von Georgien nach Russland

Mi 15. April

Ich fasse es nicht – wir sind endlich los gefahren. Nach wochenlangem Warten hat uns die Straße wieder zurück. Unser Start ist jedoch sehr mühsam – „Susanne Schweppches“ kommt sehr oft zum Stehen. Gerade schraubt Johannes an seinen Zylindern, Kaupo und Anne reichen Tupfer und Zange und wir hoffen gemeinsam, dass der Patient überlebt. Die Sonne scheint uns auf die Nasen und wir können Russland beinahe schon sehen.

Do 16. April

Gebannt starre ich auf die riesigen weißen Gipfel des hohen Kaukasus – zu groß ist die Lust dort hinzufahren. Seid gestern haben wir eine unglaubliche Distanz von 3 Kilometern zurück gelegt. Am Straßenrand scheint „Schweppches“ auf dem Sterbebett zu liegen. Es gibt wahrlich nicht mehr viel, was die Jungs noch austauschen können – neue Zylinderköpfe (check) – neue Ventile (check) – neue Vergaser (check) – neue Zündung (check) – „Susanne Schweppches“ funktioniert (pending). Johannes steht kurz vor dem Abgrund, um sein Motorrad hinunter zu werfen. Die Stimmung ist angespannt, der Wunsch aufzubrechen ist riesig, das Fluchen wird lauter.

AM NACHMITTAG

30 Stunden schrauben an „Schweppches“: Zylinderköpfe (check) – Ventile ausgeschliffen (check) – Vergaser K 65 (check) – Zündung erneut getauscht (check) – Bautenzüge gekürzt (check) – Kondensator ausgetauscht (check) – unendliche Feineinstellung (check) – Regler getauscht (check) – „Susanne Schweppches“ funktioniert (pending). Wir sind ratlos und zücken das Telefon. Sandro, ein Freund aus Tbilisi, der selbst ein Dnepr Schraubet ist, verspricht Hilfe. So warten wir am Straßenrand auf den Maestro. Es ist schon spät am Abend als Sandro die rettenden Teile aus dem Beiwagen zaubert. Ziemlich schnell misst er unsere Kondensatoren und von 3 sind 2 Schrott. Aber auch der Einbau eines funktionierenden lässt „Schweppches“ nur stark husten. Die ganze Zündung inklusive Feineinstellung scheint eine mittlere Katastrophe und es wird schnell klar, dass sie auch nicht mit Hilfe einer Blitzlampe einzustellen geht. Die Nockenwelle scheint eine krummer Eierkopf zu sein. Irgendwie kriegt es Sandro dann doch hin, dass „Schweppches“ erstmal fährt, doch des Rätsels Zündung ist noch lange nicht gelöst.

 

Fr 17. April

Auf 2000 Meter Höhe kurz vor Kazbegi – bis hierhin haben wir es immerhin heute schonmal geschafft. Diesmal gibt sich Kaupos Maschine die Ehre. Wir brauchen dringends Ersatzteile. Die Stimmung ist im Keller, dort ist auch Kaupos Baterieladestand – aber warum? Die Karre springt nicht mehr an. Es ist Tag 3 der 2ten Etappe und unser Streckenrekord liegt bei wahnwitzigen 60 Kilometern. Wir haben gerade alle keine Kraft mehr, so sehr wünschen wir uns in das Land wo die Ersatzteile vom Himmel regnen – Russland. Über uns fliegen Bussarde, die Sonne scheint es ist wunderschön hier oben im Schnee. Wir haben Zeit diese Aussicht zu genießen, denn zur Grenze werden wir es heute wieder einmal nicht schaffen – Schuld trägt eine kaputte Lichtmaschine.

4

 

Sa 18. April

Die russische Grenze – der Endgegner! Unendliches Warten, kilometerlang reihen sich LKW´s aneinander, an denen sich die Autos geschwind vorbei drängeln. In bis zu drei Reihen stellen sich hier die unterschiedlichsten Vehikel nebeneinander an, so dass der Gegenverkehr viel Mühe hat überhaupt noch vorbei zu kommen. Männer brüllen laut und versuchen dieses Chaos zu organisieren. Der Wind peitscht durch die Schlucht, die Sonne scheint, während ein 40 Tonner über unser Navigationsgerät rollt. Das Verlangen nach Ersatzteilen ist riesig, die letzten 3 Tage haben uns bewiesen, dass wir das Loch in unserer Ersatzteilkiste unbedingt stopfen müssen.

Hier an der georgischen Grenze sind die Leute schwer an uns interessiert. „Otkuda?“ Wir haben schon ein kleines Mantra eingeübt, welches mindestens einer von uns direkt aufsagt beim Erklingen dieses Wortes. „is Germania, is Estonia, is Kyprus“

Ein Mann mit einem dicken Bauch erzählt mir stolz, dass er in Aserbaidschan lebt, aber Georgier ist, weil 1911 dieser Teil Aserbaidschans noch georgisch war. Er fragt mich was wir von Georgien gesehen haben, wie wir Tiflis finden und zu guter-letzt der Klassiker, ob ich verheiratet bin. Schwer beeindruckt ist der potentielle neue, georgisch – aserbaidschanische Ehemann von meiner georgischen ID Card und so heisst es warten, plaudern, im Wind, in der Schlucht, im Niemandsland zwischen Georgien und Russland. Steine und Geröllbrocken liegen auf der Straße. Auf dem Weg nach oben, ganz hoch auf den Pass, begleitet uns stetig der Geruch überlasteter Bremsen. Beinah hinter jeder zweiten Bergkuppe haben nicht nur wir Pannen, sondern auch so einige andere urtümlichen Gefährte. Pferde, Ziegen, Schweine und natürlich Kühe benutzen die große Heeresstrasse als Weidegrund und Transit. Gespannt richten sich nun unsere Blicke gen Russland – wo Gegenden warten, die noch keiner von uns kennt.

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